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Sobald der Sommer sich dem Ende entgegen neigt, die Tage kürzer und die Temperaturen niedriger werden, sieht man zunehmend mehr Pferde, die eingedeckt werden. Spätestens dann, wenn die Wettervorhersage den ersten Frost ankündigt und die ersten Schneeflocken vom Himmel fallen, werden auch standhafte Deckenverweigerer unter den Pferdebesitzern nachdenklich. Doch was ist das Beste für das Pferd? Eindecken oder nicht? Wir haben verschiedene Experten dazu befragt.

Wer im Herbst oder Winter zu seinem Pferd geht, muss sich immer mehr anziehen, um nicht selber zu frieren. Da kann der Gedanke naheliegen, auch dem geliebten Partner Pferd etwas Gutes zu tun, indem man es mit einer Decke vor Witterungseinflüssen und niedrigen Temperaturen schützt. Aber ist „warme Kleidung“, die für uns Menschen überlebenswichtig ist, für Pferde überhaupt gut?
Wir haben dazu neben Tanja Romanazzi, die unter www.offenstallkonzepte.de über ihre Forschungen und Erfahrungen auf dem Gebiet der naturnahen Offenstallhaltung publiziert, auch die VFD und die FN als große Pferde-Verbände gefragt. Christine Garbers, 2. Vorsitzende des VFD-Bundesverbands, hat unsere Fragen beantworten. Dr. Michael Duee von der FN ist leider nicht auf alle Fragen eingegangen, hat aber einen längeren Artikel geschickt, den wir in unseren Text haben einfließen lassen. Die tiermedizinische Sichtweise aufgezeigt haben die Fachtierärztin für Pferde Dr. Katja Roscher von der Klinik für Pferde - Innere Medizin, Klinikum Veterinärmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Frau Dr. Judith Winter, die an der Freien Universität von Berlin in der Abteilung für Innere Medizin des Pferde an der Klinik für Pferde, allgemeine Chirurgie und Radiologie forscht und arbeitet. Auch Katharina Claudi von der Laufstall Arbeitsgemeinschaft LAG e.V., einem Verein, der sich für die Verbesserung der Haltungsbedingungen von Pferden einsetzt und Dr. Barbara Rauch von der renommierten Kölner Pferde Akademie KPA haben sich mit unseren Fragen befasst.

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Was empfehlen Sie Pferdehaltern? Pferde eindecken oder nicht und warum?

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte): In Normalfall ist meine Empfehlung ganz klar: nicht eindecken. Pferde haben eine ausgesprochen hohe Fähigkeit zur Thermoregulation, d.h. sie können sich wunderbar auf wechselnde Temperaturen einstellen. Decken behindern diese Fähigkeit und begrenzen zudem die Beweglichkeit. Natürlich finden auch die Pferde die ersten kalten Tage ungemütlich. Aber wenn man ihnen die Chance gibt, dann stellen sie sich darauf ein, produzieren entsprechendes Winterfell etc. Meine eigenen Pferde sind alle nicht eingedeckt.

Christine Garbers (VFD): Wie so oft im Leben, gibt es auch hier keine allgemeingültige Regel. Gesunder Menschenverstand und Fachwissen erspart dem geliebten Partner Pferd jedoch manch unschöne Situation. Generell sollte der Pferdebesitzer immer nach der aktuellen Situation entscheiden. Ein permanentes Eindecken ist bei den wenigsten Pferden geraten. Auf sehr empfindliche Pferde mit von Natur aus dünnem Fell ohne schützende Unterwolle muss besonderes Augenmerk gelegt werden. Aber generell gilt: Das menschliche Kälteempfinden ist ein ganz anderes als das unserer Pferde und sollte nicht übertragen werden!

 

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Wer sein Pferd – auch nur vorübergehend – eindecken muss, sollte das Pferd sehr genau im Auge behalten und auf Änderungen entsprechend reagieren. Am besten ist es aber, wenn die Haltungs- und Nutzungsbedingungen eine Decke überflüssig machen. Dann ist man auf dem richtigen Weg.

Christine Garbers (VFD)

 

Dr. Michael Duee (FN): Das Pferd gehört zu den Säugetieren, die als Nebenprodukt des Metabolismus ständig Wärme produzieren. Um den Wärmeverlust während der kalten Jahreszeiten zu kontrollieren, ist das Pferd von Natur aus mit äußerst effektiven anatomischen, physiologischen und verhaltensspezifischen Thermoregulationsmechanismen ausgestattet.
Das Fell beziehungsweise die Haare, als sogenannte Anhangsorgane der Haut, haben für die Thermoregulation eine wesentliche Bedeutung.
Neben dem sogenannten Photoperiodismus (periodischer Wechsel der Tageslichtlängen) hat auch die Außentemperatur einen Einfluss auf das Fellwachstum. Kältere Klimata verursachen ein Wachstum von dickerem und längerem Haar, als es in wärmeren Klimata der Fall wäre, wenn man Pferde der gleichen Rasse mit gleichem Körperbau und bei gleicher Fütterung vergleicht.
Zudem kann das Pferd die isolierenden Eigenschaften seines Fells auch noch durch die sogenannte Piloerektion, d.h. durch Aufstellen, Drehen oder Anlegen der Haare durch Haarmuskeln, beeinflussen. Die Felldichte kann dadurch um 10-30 % erhöht werden. Durch diesen Mechanismus variiert das Pferd die Isolationsschicht und damit den Luftstrom, der zur Hautoberfläche geleitet wird. Die haaraufrichtenden Muskeln müssen jedoch, wie jeder andere Muskel auch, regelmäßig trainiert werden, um effektiv zu funktionieren.
Durch eine Talgschicht mit der die Körperhaare des Pferdes bedeckt sind, erhält das Fell zusätzlich einen wasserabweisenden Effekt. Durch regelmäßiges Putzen (u./o. Waschen, insbesondere durch übermäßig häufig verwendete Shampoos) wird die Talgschicht „ausgebürstet“ und der wasserabweisende Effekt geht, je nach Intensität des Putzens sowie in Abhängigkeit von der Haltungsform, z. T. oder ganz verloren.
Neben dem Fell spielt auch der Anteil an Körperfett des Pferdes eine wichtige Rolle bei der Thermoregulation. Körperfett ist nicht nur eine Energiereserve, sondern darüber hinaus auch, aufgrund seiner geringen Wärmeleitungsfähigkeit und der geringen Blutversorgung, eine gute Isolierung.

In den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten“ vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft heißt es, dass „das Eindecken zur Verhinderung des Fellwachstums sowie das Scheren des Fells an den Notwendigkeiten orientiert werden muss, um die physiologische Funktion des Haarkleides nicht unnötig zu beeinträchtigen.“
Eine geforderte Notwendigkeit, stellt beispielsweise eine intensive sportliche Nutzung des Pferdes im Winter dar.
 

Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen): Hierzu kann keine grundsätzliche Empfehlung gegeben werden, es hängt immer von den äußeren Gegebenheiten (z.B. Wetter) und den individuellen Eigenschaften des Pferdes ab.
 

Katharina Claudi (LAG e.V.): Pferde besitzen eine sehr gute Thermoregulation, die es ihnen ermöglicht, ohne Decke jedem Wetter zu trotzen. Voraussetzung ist, dass sie sich bei Bedarf zeitweise selbstständig in einem trockenen Unterstand unterstellen können. Durch das Eindecken wird die natürliche Thermoregulation nachteilig beeinflusst. Das Pferd ist nicht in der Lage, partielle Körperpartien zu wärmen. Durch das Eindecken bleiben Hals, Kopf und Gliedmaßen häufig frei, hier besteht die Gefahr, dass diese Körperstellen unterkühlen oder der Körper unter der Decke überhitzt. In Ausnahmefällen kann es bei sehr alten oder kranken Pferden sinnvoll sein, diese zeitweilig einzudecken. Empfehlenswerter wäre jedoch dafür zu sorgen, dass sie sich selbstständig unterstellen können und ausreichend Reserven besitzen, mit den verschiedenen Klimata zurecht zu kommen. Man sollte zudem nicht vernachlässigen, dass das Eindecken das arteigene Verhalten nachteilig beeinflussen kann (z.B. bei der gegenseitigen Fellpflege).
 

Dr. Barbara Rauch (KPA): Grundsätzlich brauchen Pferde keine Decke, sondern haben einen Thermoregulationsmechanismus, der es ihnen ermöglicht, auch bei Kälte, Wind und Wetter bestens zurechtzukommen (langes Fell, evtl. Fettschicht, Haare aufstellen, Blutgefäße verengen). Damit er im Zusammenhang mit allen anderen Körperfunktionen dauerhaft funktioniert, muss er kontinuierlich trainiert werden.

SiriIm Winter bilden Pferde bei richtiger Haltung ein Winterfell aus und sind so bestens für die kalte und nasse Jahreszeit gerüstet.

 

Es ist nicht nur so, dass Pferde Kälte aushalten, sondern sie brauchen dieses Training für ihre Gesunderhaltung. In den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen steht: Um die physiologische Funktion des Haarkleides nicht unnötig zu beeinträchtigen, sollen das Eindecken zur Verhinderung des Fellwachstums sowie das Scheren des Fells an den Notwendigkeiten orientiert werden. Was also sieht der einzelne Pferdebesitzer als notwendig an? Wir Menschen sind verweichlicht, unsportlich, übergewichtig, haben Allergien, Depressionen und Burnout, Tendenz ansteigend. Das Pferd ist der Spiegel des Menschen – brauch ich noch viel sagen? Dazu kommt, dass Pferde eine viel niedrigere Wohlfühltemperatur haben und darauf eingestellt sind, dass es nachts bis zu 40° kälter ist als tagsüber. Wenn ich im Winter durch den Park gehe, bin ich auch immer froh, dass ich keine Ente bin, die auf dem Eiswasser schwimmen muss. Aber es würde doch jeder tierschutzwidrig finden, die Enten herauszuholen und ihnen einen Wärmeschutz überzuziehen. Ich höre das Argument: aber sobald wir unsere Pferde reiten, ist die Notwendigkeit da, denn sie schwitzen mit langem Fell, trocknen nicht und erkälten sich dann. Das wird meist unreflektiert weitergesagt und gilt für den nächsten als Fakt.
 

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin): Grundsätzlich verfügen Pferde über eine sehr gute Thermoregulation und können Temperaturen von bis zu minus 15 Grad ohne Probleme wegstecken. Ein Pferd mit normalem Winterfell erhöht seinen Stoffwechsel erst ab minus 10 Grad. Die Wohlfühltemperatur der Pferde liegt mit 5 Grad deutlich unter der des Menschen. Ein gesundes Pferd benötigt folglich keine Decke, nur einen trockenen Unterstand.


Gibt es Unterschiede in der Empfehlung, die von der Haltungsform abhängig sind? Oder anders gefragt: Müssen z.B. Offenstallpferde gar nicht eingedeckt werden?

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte): Offenstallpferde kommen aus meiner Sicht besser ohne Decke klar, da sie sich bei Bedarf bewegen können. Gesunde Offenstallpferde müssen nicht eingedeckt werden.

Christine Garbers (VFD): Grundsätzlich müssen Offenstallpferde nicht eingedeckt werden. Wohlgemerkt: Grundsätzlich! Das bedingt jedoch eine optimale Haltung mit freiem Zugang zu schützenden Unterständen, ohne Einschränkung z.B. durch ranghöhere Tiere, die den Zugang verwehren. Das Pferd muss gesund sein, über ausreichend isolierendes Fell verfügen und an diese Haltung gewöhnt sein. Ein reines Boxenpferd mitten im Winter plötzlich in einen Offenstall zu stellen, ist nicht empfehlenswert. Und natürlich ist das Reit- oder Fahrpensum dem Wetter anzupassen. Auch die Fütterung spielt eine Rolle: wo immer möglich, sollte gutes Heu ad libitum angeboten werden. Extra Kraftfutter oder Mash ist nur bei entsprechender Disposition notwendig.

 

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Nicht immer zeigt sich der Winter von so einer schönen Seite. Für Pferde, die in artgerechter Haltung leben und genügend Zeit hatten, sich an ihre Umgebung zu gewöhnen, sind Decken nicht notwendig. Es gibt aber auch Ausnahmen.

 

Dr. Michael Duee (FN): Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Kürzen des Winterfells den Pferden die Arbeit im intensiven Training erleichtert und eine schnellere Regeneration ermöglicht. Beispielsweise schlussfolgert die Studie von Morgan (2002), dass geschorene Sportpferde durch eine verbesserte Wärmeabgabe während des Trainings ihr thermoregulatorisches System weniger belasten und effektiver ihre Leistung erbringen.
Zudem kann davon ausgegangen werden, dass die Beeinträchtigung der Thermoregulation durch starkes Schwitzen während und nach intensivem Training die Anfälligkeit für Infektionen erhöht. Eine schnelle und effektive Trocknung des Winterfells beispielsweise nach intensivem Training ist wichtig für eine Gesunderhaltung des Pferdes sowie für den Schutz der Hautintegrität. Sie erfordert jedoch viel Zeit und/oder Geld für technische Lösungen wie Solarien. Des Weiteren kann täglich intensives Schwitzen zu Elektrolytimbalancen führen, sodass hier unter Umständen ein Ausgleich über die Fütterung erfolgen muss.
Demzufolge kann in Abhängigkeit von der Trainingsintensität und den -bedingungen die Thermoregulation von Sportpferden im Winter durch ein frühzeitiges Eindecken im Herbst für eine reduzierte Winterfellproduktion, sowie durch eine Komplett- oder Teilschur unterstützt werden.
Es muss jedoch immer beachtet werden, dass es sich dabei um Eingriffe in den natürlichen Thermoregulationsmechanismus des Pferdes handelt und daher sollten stets eine Berücksichtigung der Nutzungs- und Haltungsbedingungen sowie die Orientierung am aktuellen wissenschaftlichen Stand erfolgen.

 

 

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Pferde, die grundsätzlich im Freien gehalten werden, brauchen im Herbst/Winter in der Regel zumindest in den meisten Gegenden in Deutschland keine Decke, wenn genügend trockene Unterstellmöglichkeiten vorhanden sind.

Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen)

 


Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen): Pferde, die grundsätzlich im Freien gehalten werden, brauchen im Herbst/Winter in der Regel zumindest in den meisten Gegenden in Deutschland keine Decke, wenn genügend trockene Unterstellmöglichkeiten vorhanden sind.
Ausnahmen können z.B. bei sehr alten und vor allem dünnen Pferden bestehen, die bei andauerndem Regen aufgrund des Ernährungs-/Bemuskelungszustandes unter Umständen Schwierigkeiten mit der Thermoregulation haben und dann einen entsprechenden Regenschutz benötigen. Hauptsächlich im Stall gehaltene Pferde weisen unter Umständen kein so deutlich ausgeprägtes Winterfell auf und müssen dann bei nassem/kalten Wetter im Freien ebenfalls geschützt werden. Dies gilt natürlich insbesondere für geschorene Pferde.


Katharina Claudi (LAG e.V.): Es gibt keine Unterschiede, die von der Haltungsform abhängig sind. Lediglich Unterschiede hinsichtlich der Nutzung des Pferdes. Bei geschorenen Pferden, empfiehlt es sich, rechtzeitig einzudecken. Hierbei sollte man allerdings dann auch dauerhaft bis zum Frühjahr eindecken. Die Frage ob ein Pferd geschoren werden muss, ist eine andere. Bei Pferden, die stark schwitzen, empfiehlt sich ein sogenannter „Rallye-Schnitt“, der es dem Pferd ermöglicht, auch ohne Decke durch den Winter zu kommen. Die Ursache für starkes Schwitzen sollte allerdings herausgefunden und abgestellt werden. Nicht selten liegt hier eine Fehlfunktion des Stoffwechsels – z.B. durch nicht bedarfsgerechte Fütterung – vor.

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin): Es gibt keine Unterschiede bezüglich der Haltungsform. Ein Pferd, das allerdings die meiste Zeit in einem leicht geheizten Stall steht, wird unter Umständen kein ausreichendes Winterfell entwickeln, um sich bei Minusgraden draußen für längere Zeit wohl zu fühlen.


Gibt es Ausnahmen von der Empfehlung und warum?

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte): Ja, es gibt für mich Ausnahmen.
1. Pferde, die aus einer „eingedeckten Boxenhaltung“ kommen und nicht lange genug Gelegenheit hatten, sich auf die normale Witterung einzustellen. Diese Pferde muss man manchmal im ersten Winter mit einer Decke unterstützen.
2. Ältere Pferde, deren Stoffwechsel nicht mehr optimal läuft und deren Wärmeproduktion daher nicht mehr ausreicht.
3. Pferde mit Vorschäden im Bereich der Wirbelsäule. Diese Pferde haben manchmal sichtbare Schmerzen, wenn der Rücken zu stark auskühlt bzw. nicht entspannt genug gehalten wird.
4. Herden mit sehr gemischten Pferdetypen, in denen die Robusten den Ton angeben und die Empfindlicheren die „Mitläufer“ sind. Hier kann es passieren, dass die Robusten nicht in den Unterstand gehen (sie haben es nicht nötig) und die Empfindlichen nur wegen des „Herdenzwanges“ draußen bleiben. Auch hier kann es mal nötig sein, mit einer Decke zu unterstützen.


Christine Garbers (VFD): Immer dann, wenn die optimalen Bedingungen nicht gegeben sind, sollte über das – evtl. auch nur vorübergehende – Eindecken nachgedacht werden. Dazu gehören insbesondere extrem widrige Wetterbedingungen, denen das Pferd nicht ausweichen kann. Starkregen und scharfer Wind über mehrere Tage kann unter Umständen selbst die dickste Isolierschicht durchdringen. Frierende Pferde sind sofort einzudecken, gar keine Frage. Wenn das Pferd eingedeckt wird, muss andererseits aber auch penibel darauf geachtet werden, dass es unter der Decke nicht schwitzt. Das kann schon passieren, sobald die Sonne nur ein paar Minuten scheint. Also: die Pferde gut im Auge behalten!

 

KCfinal

Das Pferd ist nicht in der Lage, partielle Körperpartien zu wärmen. Durch das Eindecken bleiben Hals, Kopf und Gliedmaßen häufig frei, hier besteht die Gefahr, dass diese Körperstellen unterkühlen oder der Körper unter der Decke überhitzt.

Katharina Claudi (LAG e.V.)

 

Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen): Eine generelle Empfehlung gibt es, wie erwähnt, nicht.
 

Katharina Claudi (LAG e.V.): Wie schon in der vorherigen Frage gesagt, kann das zeitweise eine Unterstützung von alten oder kranken Pferden sein – wenn keine anderen Möglichkeiten vorhanden sind. Eine weitere Ausnahme (kommt jedoch selten vor) wäre zum Beispiel ein rangniederes, hochblütiges Pferd in einer Herde von robusten Rassen. Hier könnte es möglich sein, dass dieses Pferd bei extremer Witterung (nass und kalt) den Unterstand nicht aufsucht, weil die übrige Herde es auch nicht tut. Es würde lieber frierend mit den anderen draußen stehen, als alleine den Unterstand aufzusuchen. In diesem Fall kann das Eindecken des hochblütigen, rangniederen Pferdes notwendig sein. Ähnlich sieht es bei Pferden aus, die erst spät im Jahr in eine Gruppen- oder Offenstallhaltung gekommen sind. Hier könnte es im ersten Winter bei extremer Witterung notwendig sein, einzudecken bis sich der Stoffwechsel angepasst hat und das Winterfell ausreichend gebildet ist.

 

Unterstand
Um sich zum Beispiel vor Wind und Regen zu schützen, müssen die Pferde die Möglichkeit haben, sich unterzustellen.

 

Dr. Barbara Rauch (KPA): Decken können sinnvoll sein für kranke Pferde, für Hochleistungspferde und für weitere besondere Situationen. Wenn ich in unserer Anlage sehe, dass 80 % aller Pferde eingedeckt sind, obwohl ihre Besitzer sich für ein artgerechtes Haltungssystem entschieden haben, finde ich es nicht konsequent. Es handelt sich in der Mehrzahl nicht um Turnierreiter und um Pferde aller Rassen, auch viele Robustrassen.
 

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin): Es gibt bestimmte Rassen, wie Englische oder Arabische Vollblüter, die eventuell kein ausreichendes Winterfell entwickeln werden. Hier sollten die Besitzer ihre Pferde gut beobachten und im Einzelfall entscheiden. Weitere Ausnahmen sind kranke Pferde, die Fieber oder Kolik haben. Bei uns in der Klinik bekommen zum Beispiel alle Pferde für die ersten Stunden nach einer OP eine Decke, da der Kreislauf noch etwas langsam ist. Sportpferde, die täglich gearbeitet werden, schwitzen mit dickem Winterfell natürlich sehr lange nach. Um das zu vermeiden, spricht aus tierärztlicher Sicht nichts gegen eine atmungsaktive und gut passende Decke.


Was ist von Abschwitzdecken zu halten?

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte): Mir ist es lieber, das Pferd etwas länger trocken zu reiten und es dann mit der Restnässe ohne Decke heraus zu stellen. Es funktioniert nach meiner Erfahrung problemlos.


Christine Garbers (VFD): Pferde mit dickem Winterfell schwitzen bei der Arbeit stark. Wenn es durch entsprechend rücksichtsvolle Nutzung trotzdem nicht möglich ist, das Pferd absolut trocken zurück zu stellen, muss vorübergehend eine Abschwitzdecke aufgelegt werden. Das Material sollte die Feuchtigkeit aus dem Fell nach Draußen leiten und wärmend sein. Rechtzeitiges Abnehmen der Abschwitzdecke, nachdem das Pferd trocken wurde, ist dabei unbedingt notwendig.
 

Dr. Michael Duee (FN): Eine qualitätsvolle Abschwitzdecke kann gute Dienste leisten, allerdings muss darauf geachtet werden, dass das Pferd tatsächlich abtrocknet.

Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen): Hierbei handelt es sich zumeist um dünne Decken, welche bei geschwitzten Pferden nach dem Reiten Anwendung finden. Dies dient am ehesten dem Schutz vor der Verdunstungskälte, um ein vermehrtes Auskühlen des Körpers zu vermeiden.

 

FU Berlin final

Solange die Pferde nach dem Reiten nicht im Regen oder Zug stehen, ist eine Abschwitzdecke nicht zwingend nötig.

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin)

 

Katharina Claudi (LAG e.V.):
Abschwitzdecken werden für eine kurze Zeitspanne auf das Pferd gelegt, um ihm das Abschwitzen zu erleichtern und einer Unterkühlung vorzubeugen. Pferde, die in einem Offenstall gehalten werden, benötigen in der Regel keine Abschwitzdecke, wenn sie die Möglichkeit haben, sich im Sand oder Matsch zu wälzen und sich an einen trockenen, windigen Ort zu stellen und sich – bei Bedarf – „warmlaufen“ können. Bei Pferden, die nach dem Training in eine Box kommen und auch nach dem Abreiten noch stark schwitzen, empfiehlt sich eine Abschwitzdecke, da die Pferde keine andere Möglichkeit haben, sich vor Unterkühlung durch ein zu langsam trocknendes Fell zu schützen und sich nicht „warmlaufen“ können. Ich persönlich nehme Abschwitzdecken gerne zum „trocknen“ des Pferdes nach einem Regenschauer im Winter, BEVOR ich mit dem Pferd arbeite. Das Fell wird so schneller trocken und die Rückenpartie kühlt nicht aus. Für empfindliche Pferde, die gearbeitet werden sollen, eine praktische und angenehme Lösung für alle Beteiligten, bei der gleichzeitig auch noch der Muskulatur ein Gefallen getan wird.

 

BRfinal

Jeder sollte sich bewusst sein, dass er eingreift in das hochkomplizierte und wundervoll funktionierende Gesamtkonzept, und dass dieses bei allen weiteren Maßnahmen dann berücksichtigt werden muss.

Dr. Barbara Rauch (KPA)

 

Dr. Barbara Rauch (KPA): Mein Pferd, eine 19-jährige Warmblutstute, steht seit 3 Jahren in einer Bewegungsanlage, d.h. ganzjährig draußen. Ich ziehe ihr niemals eine Decke an. Die Umstellung von Boxenhaltung im Winter bis zu ihrem 16. Jahr, war problemlos. Ich reite nicht im Leistungssport. Der Stute wächst regelmäßig ein langes puscheliges Fell. Sie schwitzt bei gleichen Anforderungen wie im Sommer kaum, höchstens in der Sattellage. Ich bringe sie nach dem Reiten ohne Weiteres wieder in ihre Gruppe, wenn sich ihr Puls beruhigt hat. Ich denke, wenn ich durch Wärme (Solarium, Abschwitzdecke) ihre Blutgefäße weit stelle, ist es das Gegenteil von dem, was sie braucht, wenn sie wieder raus geht: die Kapillaren müssen eng gestellt, der Blutkreislauf in tiefere Schichten verlegt werden, um keine Wärme abzugeben. Wenn meine Stute nicht mehr auf die Weide geht im Winter und es feuchtkalt oder frostig ist, braucht sie deutlich mehr Futter; wenn ich nicht möchte, dass sie an Gewicht verliert und damit auch Muskulatur abbaut. Mein Pferd war noch nie krank. Sie hat keine Allergien, Koliken, Hufprobleme oder Infektionskrankheiten. Wenn ich sie zum Reiten aus der Gruppe hole und es regnet, ist sie immer trocken, denn sie stellt sich unter, dazu gibt es ausreichend Möglichkeiten, auch unter den Heuraufen. Ich weiß, das ist einer von tausend Erfahrungsberichten. Er ist nicht geschönt und ich höre auch viele andere, kontroverse Berichte von unseren Lehrgangsteilnehmern. Sehr oft aber auch von denen, die es ausprobiert haben, dass es für Pferde kein Problem ist nach dem Reiten noch feucht wieder in die Kälte gestellt zu werden.
 

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin): Solange die Pferde nach dem Reiten nicht im Regen oder Zug stehen, ist eine Abschwitzdecke nicht zwingend nötig. Bei kühlen Temperaturen leitet sie die Feuchtigkeit vom Fell weg und reduziert ein Auskühlen des Pferdes. Sie sollte zügig abgenommen werden, wenn sie durchgeschwitzt ist.


Kann das Eindecken auch schaden?

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte): Ja, ich habe schon ein Pferd mit einer heftigen Schleimbeutelentzündung am Widerrist erlebt, eine Lungenentzündung wegen einer nassen Decke und deutliche Lungenprobleme wegen regelmäßigem Nachschwitzen unter der Decke.


Christine Garbers (VFD): Ja, leider kann falsch verstandenes Eindecken auch Schaden anrichten. Eindecken mit zu dicken Decken bei warmen Wetter, lässt die Pferde schnell schwitzen. Kommt Wind hinzu, steigt die Gefahr von Erkältungen. Die eigene Thermoregulation des Pferdes wird völlig durcheinander gebracht, das Pferd kann auf die so wichtigen Außenreize nicht mehr adäquat reagieren, das Immunsystem wird geschwächt. Eine Decke bei nasskaltem Wetter nützt auch nur solange, wie sie wirklich dicht hält – ein nasses Pferd unter einer nassen Decke friert nur noch mehr, da es sein Fell aufgrund der Schwere der Decke nicht mehr aufstellen kann und dadurch das wärmende Luftpolster fehlt. Also ganz wichtiges Fazit: Wer sein Pferd – auch nur vorübergehend – eindecken muss, sollte das Pferd sehr genau im Auge behalten und auf Änderungen entsprechend reagieren. Am besten ist es aber, wenn die Haltungs- und Nutzungsbedingungen eine Decke überflüssig machen. Dann ist man auf dem richtigen Weg.

 

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Es muss jedoch immer beachtet werden, dass es sich dabei um Eingriffe in den natürlichen Thermoregulationsmechanismus des Pferdes handelt und daher sollten stets eine Berücksichtigung der Nutzungs- und Haltungsbedingungen sowie die Orientierung am aktuellen wissenschaftlichen Stand erfolgen.

Dr. Michael Duee (FN)

 


Dr. Michael Duee (FN): Die Thermoregulation bei geschorenen und eingedeckten Pferden, muss zu jeder Zeit fachkundig unterstützt und kontrolliert werden. Das heißt durch entsprechende Eindeckung, insbesondere außerhalb der Trainingszeiten, muss gewährleistet werden, dass sich die Körpertemperatur zu jeder Zeit im optimalen Bereich befindet. Dabei muss die Deckenauswahl nicht nur entsprechend der Witterung gewählt werden, sondern auch die richtige Passform ist für das Wohlbefinden des Pferdes verantwortlich. Haarlose oder wundgescheuerte Haut durch nicht korrekt sitzende Decken stellen ein häufiges Problem dar und müssen verhindert werden.
Des Weiteren erfährt die Haut durch eine dauerhafte Eindeckung eine deutlich eingeschränkte Luftzufuhr, was zu Hauterkrankungen wie beispielsweise verstopften Talgdrüsen führen kann. Ein hoher Hygienestandard sowie eine gute Fellpflege können das Hauterkrankungsrisiko deutlich minimieren.
Durch die Möglichkeit der freien Bewegung kann das Pferd ein Kälteempfinden durch erhöhte Bewegungsaktivität und wärmebildende Muskelarbeit kompensieren. Zudem erhöht eine ideale Nahrungszufuhr die körpereigene Wärmeproduktion insbesondere die Verdauung von rohfaserreichem Futter erzeugt als Nebenprodukt große Wärmemengen.


Dr. Katja Roscher (Justus-Liebig-Universität Gießen): Ein Schaden ist grundsätzlich denkbar, wenn die Decke nicht passt oder die Pferde damit hängen bleiben. Ein Schaden durch das Eindecken per se – mit Ausnahme von hygienischen Problemen/Feuchtigkeit - ist eher unwahrscheinlich.

 

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Pferde haben eine ausgesprochen hohe Fähigkeit zur Thermoregulation, d.h. sie können sich wunderbar auf wechselnde Temperaturen einstellen. Decken behindern diese Fähigkeit und begrenzen zudem die Beweglichkeit.

Tanja Romanazzi (Offenstallkonzepte)

 


Katharina Claudi (LAG e.V.): Neben der gestörten Thermoregulation, die durch das Eindecken des Pferdes stark beeinträchtigt wird, können die deckenfreien Bereiche des Pferdes unterkühlen oder eine Art „Fieber“ im Bereich unter der Decke entstehen. Des Weiteren können Decken ein gewisses Verletzungspotenzial mit sich bringen. Die Pferde können sich in der Gurtung verfangen oder damit an Gegenständen hängen bleiben. Die Ausübung des Sozialverhaltens der Pferde untereinander ist eingeschränkt und - bei Deckenbeschädigung durch andere Pferde - auch das der Pferdebesitzer untereinander ...


Dr. Barbara Rauch (KPA): Es gibt -wie bei allen anderen Themen- auch hier keine Patentlösung, kein allgemeingültiges Falsch oder Richtig. Im Unterricht empfehlen wir, auszuprobieren und die Pferde im Wohlbefinden zu beobachten. Das setzt natürlich Kenntnisse darüber und den Blick dafür voraus. Das Argument verstehe ich: ich möchte ein sauberes Pferd vom Paddock holen. Nur das Argument: mein Pferd soll es gut haben, kann ich an dieser Stelle nicht teilen. Welcher Notwendigkeit gebe ich Vorrang? Jeder sollte sich bewusst sein, dass er eingreift in das hochkomplizierte und wundervoll funktionierende Gesamtkonzept, und dass dieses bei allen weiteren Maßnahmen dann berücksichtigt werden muss.

 

Dr. Judith Winter (Freie Universität Berlin): Schaden kann das Eindecken in Fällen, wo die Decke nicht genau passt, scheuert und rutscht. Oder wenn eine nicht regenfeste Decke doch mal nass wird und das Pferd für längere Zeit eine nasse Decke tragen muss. Ersteres kann man durch sorgfältiges ausmessen und einen eventuellen Deckenschoner vermeiden.


Fazit

Zuallererst geht unser Dank an die Experten, die sich die Zeit genommen haben, uns so umfangreich zu antworten und ein doch recht eindeutiges Bild zu zeichnen auf die Kernfrage: Eindecken oder nicht?
Jedem sollte nach der Lektüre dieses Artikels klar sein, dass Pferdedecken in dem meisten Fällen nur sinnvoll für die Umsatzstatistiken der Hersteller sind, dem Pferd aber nur in wenigen, klar definierten Situationen helfen und sogar gewisse Risiken beinhalten. So lange ein Pferd nicht im Leistungssport aktiv und z.B. deswegen geschoren ist, keine schwereren Krankheiten vorliegen, das Seniorenalter (des Pferdes natürlich) noch in weiter Ferne liegt und die Haltungsbedingungen optimal sind, gibt es keine Gründe, die für ein dauerhaftes Eindecken sprechen. Wenn Decken beim Pferd zum Einsatz kommen – z.B. wenn einer oder mehrere der oben genannten Ausnahmen zutreffen – dann sollte man sorgsam auf die Passform und Herstellungsart achten und die Pferde gut kontrollieren und beobachten, um mögliche Schäden zu vermeiden. Am besten ist es aber natürlich, wenn Pferde in für sie perfekten Bedingungen leben und sich an den Lauf des Wetters anpassen können.

 

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